Enthält Schokolade Rinderblut?

– Aufräumen mit einem Gerücht

Wie oft hören Kinder täglich von Ihren Eltern, Großeltern und Schwiegereltern: „Iss‘ nicht so viel Schokolade, da ist Rinderblut drin“? Tatsächlich hält sich dieses Gerücht seit vielen Jahrzehnten tapfer im Reich der unsinnigen Erziehungsmethoden. Und doch, die Eltern haben Recht! Schokolade enthält Blut! Zumindest ein Teil der am Markt befindlichen Kakaosüßware ist mit Blut versetzt, mehr oder minder stark. Die Wissenschaft hat somit bisher eine Fehlinformation verbreitet, als sie die konsumfreudigen Kinder aufgeklärt hat, Mami und Omi würden ihnen nur gequirlte Kacke erzählen.

Enthält Schokolade wirklich Blut?
Enthält Schokolade wirklich Blut?

Die MSS-Redaktion geht schon seit vielen Jahren Selbstverständlichkeiten hinterher und versucht, diese zu belegen. Oder zu widerlegen. Bei der Überprüfung eben dieses Gerüchtes waren wir vor allem auf das von uns gegründete Zentrum für anspruchslose Wissenschaft (ZAW) angewiesen, das ausführliche und repräsentative Untersuchungen für uns durchgeführt hat. Das ZAW wurde hellhörig, als es die Statistiken verschiedener europäischer Krankenhäuser untersucht hatte. Hierbei fiel auf, dass zahlreiche Anämiepatienten unerklärlich schnell gesund wurden. Nach einer Befragung dieser Patienten erfuhren wir, dass sie allesamt leidenschaftlich gerne einige spezielle Sorten Schokolade aßen.
Nach weiteren Recherchen, unter anderem bei Vampiren, waren die Ergebnisse sicher: Es gibt Schokolade, die Blut enthält.

Müssen wir jetzt sterben?

Das ZAW gibt Entwarnung: Schokolade ist nicht ungesund, solange das enthaltene Blut aus gesunden Organismen stammt. Im Gegenteil: sie ist äußerst gesund! Das sagen mittlerweile viele Wissenschaftler. Bislang schrieb man aber ausschließlich den klassischen Kakaozutaten die positive Wirkung zu. Denn Schokolade enthält neben Zucker und Kakaobutter, die den Serotoninspiegel im Hirn anheben, auch Koffein, Phenylethylamin (eine Art ‚Liebes-Chemikalie‘) und Milcheiweiß, das Exorphine enthält, die Schmerzen lindern.

Blut ist ein natürlicher (und durchaus lebenswichtiger) Bestandteil unseres Körpers und kann daher, genau wie Vitamine und Mineralien, nicht genug mit der Nahrung aufgenommen werden. Obwohl es nicht essenziell ist (wie z.B. einige Vitamine), ist eine zusätzliche Versorgung keinesfalls nutzlos. So können beispielsweise Blutverluste bei Operationen und Unfällen besser ausgeglichen werden. Oder Mückenstiche werden ohne größere Kreislaufbeschwerden überwunden. Und selbst die Anämieheilung kann durch den Verzehr von ausreichend bluthaltiger Schokolade beschleunigt werden, wie die Studien des ZAW beweisen.

Übrigens: In handelsüblicher Schokolade dürfen höchstens zehn Milliliter Blut enthalten sein. In einer 100-Gramm-Tafel stecken somit höchstens zehneinhalb Gramm Blut. Umgerechnet auf die Körpergröße verzehren Mücken weitaus größere Mengen Blut, ohne Schaden davon zu tragen – wir können also beruhigt sein.Dass dieses Blut mittlerweile nicht mehr nur vom Rind stammt, wie das Gerücht sagt, liegt am Wandel unserer Kultur: Früher, wo jeder Bauer auf seinen Feldern Kakao anbaute und die Milch von eigenen Kühen bezog, wurden Rinder oftmals noch hausgeschlachtet. Das angefallene Blut musste natürlich verwendet werden, zum Wegkippen war es viel zu schade. Also wurde es der Schokolade beigemengt.Heute haben die meisten Bauernhöfe keine eigene Viehzucht mehr und haben auf genetisch veränderte Kakaopflanzen umgestellt, die als Frucht bereits fertige Schokoladentafeln oder -riegel tragen. Milch- und blutfrei, ideal für Allergiker – und von Umweltschutzverbänden stark kritisiert.

Frei von Allergenen, dafür auch ohne Blut: genetisch veränderte 'Schokopflanzen'
Frei von Allergenen, dafür auch ohne Blut: genetisch veränderte ‚Schokopflanzen‘

Die Viehschlachtung findet in großen Schlachthöfen statt, fernab vom Dorfidyll. Hier fällt natürlich Blut in großen Mengen an, das unter anderem an Großhersteller von Schokolade verkauft wird – zu einem Spottpreis von wenigen Cent pro Kubikmeter. Trotzdem rentiert sich der Blutverkauf – der Drang, alles zu verwerten, ist geblieben. Die Einleitung des Bluts in die Abwasserkanalisation wäre nicht vertretbar; rotgefärbte Flüsse wirken auch heute noch abschreckend. Und bei einem jährlichen Verzehr von rund neun Kilogramm Schokolade pro Person ist dies natürlich der ideale Weg, das anfallende Blut sinnvoll weiter zu verwenden: Das sind immerhin 74 Millionen Liter Blut, bei etwa 82 Millionen Bundesbürgern und einem Blutgehalt von 10 Millilitern pro 100 Gramm Schokolade!

In welcher Schokolade ist Blut?

Die Hersteller von Schokoladenwaren müssen auf ihrer Verpackung nicht darauf hinweisen, dass Blut in ihrer Schokolade enthalten ist. Das wäre auch unzumutbar. Immerhin kann nicht nach jedem kleinen Betriebsunfall im Schokoladenwerk der Verpackungsaufdruck geändert werden. Genau kann daher niemand sagen, welche Schokolade das gesunde Nass enthält. Herkömmliche Schokolade kann Blut enthalten oder auch nicht – je nach Unfallverhütung beim Hersteller, je nach Marktsituation im Fleischereigewerbe und je nach Mordrate in Großstädten.

Dass die Ergebnisse des ZAW eine Branche umkrempeln würden, haben wir nicht gedacht. Einige Schokoladenhersteller sind jedoch schon auf den Wagen des ‚Functional Food‘ aufgesprungen und verabschieden sich vom Image des ungesunden Dickmachers. Nachdem nun schon Joghurts mit Vitaminen, Gummibärchen mit Mineralien und Sprudelwasser mit Kohlensäure versetzt werden, stellen einige Hersteller Schokoladen mit besonders hohem Blutanteil her. So fanden wir in den Ladenregalen neben der herkömmlichen Schokolade (die in geringen Mengen Blut enthalten kann, wie beschrieben) auch spezielle Sorten mit bluthaltiger Cremefüllung, einem „Plus an Erythrozyten und Thrombozyten“ oder spezielle weiße Schokoladensorten mit vielen weißen Blutkörperchen (Leukozyten), die bekannterweise für ein intaktes Immunsystem nötig sind.

Marktlücke entdeckt
Marktlücke entdeckt

Wir sind doch keine Vampire!

Wissen Sie’s? Tatsächlich gönnen sich auch Vampire gerne mal ein Stück Schokolade. Und gerade diese Bevölkerungsgruppe hat einen ausgezeichneten Spürsinn für bluthaltige Süßigkeiten. Und, mal ganz ehrlich: So abwegig ist der Gedanke, anfallendes Blut aus Schlachterei, Obduktionssaal und Boxring zu verwenden, doch nicht. Die Blutverarbeitung zu schmackhaften Nahrungsmitteln findet seit vielen Jahrhunderten statt und ist mittlerweile Tradition. Blut in der Suppe, als Blutwurst oder als frische Blutorange – jeder hat in seinem Leben schon mal Blut gegessen. Und mit Sicherheit sehr genüsslich.

Nachdem wir nun wissen, dass der rote Lebenssaft nicht nur traditionell schon seit langem zur Geschmackssteigerung verwendet wird, sondern dass er auch einen hohen gesundheitlichen Wert hat, werden Deutschlands Mütter, Omis und fremde Männer vor dem Kindergarten den Kindern sagen: „Iss‘ viel Schokolade, die enthält Rinderblut!“