Alles nur Satire!
Iiiih - mach's tot!

 



Kernbohrung


Ich sage es gleich am Anfang: Dieser Beitrag soll in erster Linie auf die Ungerechtigkeit bei der Bewertung von Feier- und Gedenktagen hinweisen und in keinem Fall der puren Belustigung der Leser dienen. Also, los geht's!

Wie viele Ehrentage gibt es überhaupt im Verlauf eines Jahres? Zählen wir mal zusammen: "Tag des Kindes", "Tag des Bergmannes", "Welt-Nichtschwimmertag", "Frauentag", "Frauennacht" oder auch "Walpurgisnacht" genannt. Dann kommen die Raucher, die Volkspolizei, äh halt, die nicht mehr, die Diabetiker, die Alkoholiker und die lange Latte der Heiligen. Hat schon mal jemand daran gedacht Ehrentage für unsere edlen Körperteile einzuführen, also Teile, ohne die wir nicht halb so viel Lebensfreude hätten? Keine Sau kümmert sich darum! So möchte ich heute für unser empfindlichstes Organ, das durch kein Hilfsmittel unterstützt oder ersetzt werden kann, eine Lawine der Ehrung lostreten. Für dieses Organ gibt es keine Schrittmacher, keine verstärkende Elektronik oder Krücken. Das Ding muss ein Leben lang allein funktionieren. Doch wenn man es in der Öffentlichkeit pflegt oder reinigt wird man von seinen ungerechten Mitmenschen dafür getadelt. Nein, nicht was sie jetzt denken, sie Ferkel, es geht um die Nase!
Wenn wir die nicht hätten gäbe es nur den halben Genuss beim Essen und mit Channell Nr. 5 würden wir nur die Fliegen von der Frontscheibe putzen. Außerdem hätten wir nichts, was wir bei anderen mal reinstecken könnten, um diese zu ärgern.
Und so funktioniert unser Riechkolben mehr oder weniger unbeachtet vor sich hin. Doch wehe, es kommt zu Unregelmäßigkeiten! Gleich ist die Hölle los! Hier einige Beispiele, was da so alles passieren kann:

Ab und zu spürt der Nasenträger ein plötzliches Jucken in seinem Organ, worauf der Betroffene zur Gefahrenabwehr sein "Tempo" zückt oder sich für eine Direktuntersuchung der entsprechenden Körperöffnung entschließt. Am Ende der nun folgenden Erleichterungshandlung ist er im greifbaren Besitz eines Bio-Bohrkerns, dessen Beseitigung abhängig von Charakter und Lebensauffassung erfolgt. Im Folgenden wird der Versuch unternommen, die unterschiedlichen Typen, die kein "Tempo" gefunden haben, bei dieser Tätigkeit zu beschreiben.

Der Pedant:
Er ist völlig aus der Fassung geraten, da ihm so etwas noch nie passiert ist. Bisher hat ihm die Mutti immer die Nase geputzt. So sucht er hektisch nach einem Taschentuch, öffnet mehrere Schubladen im Schreibtisch, parkt dabei versehentlich den Bohrkern an einem Schubladengriff und findet natürlich kein "Tempo", da die ja immer bei Mutti sind. Jetzt erst begreift er mit Schrecken, dass das Ding verschwunden ist, tastet mit Fiebereifer alle Stellen ab die er bisher berührt hat, findet dabei einen alten Kaugummirest seines Vorgängers und kann sich letztendlich nicht so richtig freuen, als er den verlorenen Sohn wieder in den Händen hält. Nebenbei scannt er mit einem Auge seine Umgebung ab. Der aufgekommene Ekel über das gerade Erlebte zwingt ihn dazu, seinen Arbeitsplatz, mit dem Ding am Finger, zu verlassen und nun zum vierten mal in dieser Woche Rat von seinem Psychologen einzuholen.

Der verspielte Typ:
Er freut sich grundsätzlich über alles was er in die Hände bekommt. Schnell ist das neue kleine Utensil mit den Fingernägeln geteilt und mit viel Geschick ein kleiner Schneemann daraus gebaut. Für Hut und Besen reicht das Material leider nicht, aber eine spitze Nase ist noch drin. Dann verwandelt sich diese Figur sofort in einen Miniwürfel, der mit dem Draht einer Büroklammer gepiekt, seine wertbringenden Punkte erhält. Nun versucht er damit zu würfeln, aber das Ding klammert sich fest und will die Hand, die es schuf, nicht verlassen. Unzufrieden mit dem Zwischenprodukt formt der spielerische Typ eine lange Rolle und versucht diese mit einer Pinzette zur Brezel zu verknoten. Voller Stolz würde er sich damit gern seinen Kollegen präsentieren, unterlässt es aber, da er erst in der vergangenen Woche viel Unverständnis für seine Pyramide aus Würfelzucker erntete und der Chef Nacharbeit angedroht hat! Als dieser auch noch unverhofft den Raum betritt, versteckt er das Objekt zur späteren Beschäftigung unter der Schreibtischplatte. "Bis bald Kumpel! - Wir sind noch nicht fertig miteinander!" Heute macht er die angeordneten Überstunden gern!

Der nervöse Typ:
Anfangs bemerkt er gar nicht was er da am Finger hat, und Sekunden nach der Bohrung kann er sich auch nicht daran erinnern, was er gerade getan hat. So zuckt er beim Anblick des Neulings heftig zusammen und fährt sich stressabbauend durch das wirre Haar. Leider mit der falschen Hand! Bis jetzt glaubt er noch an einen Rest aus der Uhutube! Damit ist das Problem erst mal aus den Augen aber nicht aus der Welt und schon gar nicht aus dem Kopfhaar. Dann widmet er sich wieder seiner Arbeit, die er nun schon zum achten Mal von vorn beginnt. Beim Nachdenken kratzt er ständig mit dem Stift am Kopf herum und fängt dabei unbewusst den kleinen Ausreißer wieder ein. Starke Kohäsivkräfte binden den Fang an das Schreibgerät, dessen Ende schon arg zerkaut ist...!
Zum Schluss kommt alles zu seinem Ursprung zurück! Ist nur eine Frage der Zeit!

Der Handwerker:
Er hat keine Zeit und keine freie Hand für seine Nase. So bekommt er auf anderem Wege Kontakt mit einem verlorenen Bohrkern.
Der Meister kontrolliert gerade mit dem Zollstock den frisch ausgelegten Eichenholzfußboden, als sein scharfer Blick auf einen unförmigen Fremdkörper am Holze fällt. Mit dem Ende des Maßstabes prüft er gewissenhaft, worum es sich hierbei handeln könnte. "Wir hatten doch gar keinen Leim verwendet, ist doch alles verdeckt genagelt! - Muss ich den Gesellen noch mal fragen!" denkt er, als er ein schlampig verlegtes Brett entdeckt. "Wegen dieser kleinen Ritze noch mal alles neu verlegen? - Nein! - Wo ist den nur dieses undefinierbare Ding von vorhin? - Ah, dort ist es ja! - Na, dann mal rein damit!"

Der Wissenschaftler:
Ihm kommt alles gelegen was sich irgendwie untersuchen und bewerten lässt. An eine Beseitigung des Korpus ist also nicht zu denken! Welche Heilkräfte gehen von der unbekannten Substanz aus? Lassen sich genetische Vergleiche mit anderen Findlingen anstellen? Hilft es gegen den Hunger in der Welt? Steckt hier die natürliche Lösung des Klebstoffproblems der Briefmarken? Die mikroskopische Untersuchung gestaltet sich anfangs schwierig, da das Objekt die kleine Vorsatzlinse am unteren Teil des Gerätes innig umarmt hat. "Mist, alles dunkel!" Beim Hochschrauben des Tubus' zeigt sich sogleich die unübertroffene Viskosität der Forschungsmasse. "Bauen die Spinnen etwa ihre Netze aus diesem Zeug? - Dann müssten Spinnen ja Nasen haben!" Bei der Untersuchung der elektrischen Leitfähigkeit hat er dann den Strom zu hoch gedreht. Das Ergebnis waren Dampf und Kohlenstoff. Schade!

Der Junkie:
Alles was er raucht besteht nicht nur aus Wasser und Pfeife. Da sind noch andere Sachen drin. So kommt er zu der Überlegung, dass der angereicherte Rauch beim ausströmen durch die Nase jede Menge Moleküle seiner Drogen im Rüssel ablagern muss! Er dreht und wendet den kleinen Wertstoffklumpen zwischen den Fingern, der dem Rohopium verdammt ähnlich ist. Also trocknen und dann in die Wasserpfeife. So schließt sich der Kreislauf der Natur.

Der Waldorf-Schüler:
Der Unterricht hat weder begonnen noch ist er vorbei, als Claude-Michele das Ergebnis harter Arbeit, zwischen den Fingern bewundernd, gegen das Licht hält. Er hat wieder mal das Letzte aus sich herausgeholt, ohne dass der anwesende Pädagoge in die Freiheit des Kindes eingreift. "Schreib uns doch mal an die Tafel, was du da interessantes an dir entdeckt hast!" Da Claude-Michele seinen Schreibkurs zugunsten von Tanz und Nadelarbeit vernachlässigt hatte, stand kurz darauf schwarz auf weiß: "Eihn Bobel!" "Fein gemacht! - Und heute nachmittag, liebe Kinder, tanzen wir alle mal diesen Begriff!" Claude-Michele verstaut seinen Glücksbringer in dem Amulett, das er ständig an einer Halskette trägt.

Der Macho:
Auf dem Armaturenbrett seines neuen BMW glitzert seit wenigen Minuten ein schillernder Fremdling, der vor dem Niesen gegen die tief stehende Abendsonne noch nicht anwesend war. Der Fahrer zählt in Gedanken noch mal alle Instrumente durch, die er seit Jahren schon auswendig kennt, doch alles ist wie immer. Die stets wechselnden Lichtverhältnisse während der Fahrt lassen ihn mit der Zeit an einen bisher unentdeckten Verarbeitungsfehler glauben. "Muss ich mal in die Werkstatt!" Beim nächsten Ampelrot untersucht er die schadhafte Stelle mit einem Faustschlag auf das Übel und stellt danach fest, dass alles wieder in Ordnung ist. "Na, geht doch! Selbst ist der Mann!"

Der Pastor:
Kirchen sind selbst im Sommer recht kühle Gebäude und so wundert sich keiner, wenn dem Prediger mitten im Vortrag heftige Windstösse durch die Nasenflügel fahren. Er spürt dabei noch, wie sich irgend ein zäher Widerstandskämpfer verbissen gegen die Pressluft stemmt, aber zu spät! Die in höchster Pein zusammengekniffenen Augen sehen dabei nicht, in welche Richtung der kleine Partisan das Licht der Welt erblickt. Da der Kleriker nun etwas den Faden verloren hat, blättert er verlegen in der Bibel hin und her und stellt dabei fest, dass es von Seite 478 gleich zur 481 weitergeht. Irgendetwas - nur Gott weis es jetzt genauer - verhindert das Aufschlagen der dazwischenliegenden Seiten.

Das Kind:
Hmmm! Fertig!


Idee & Text: Jürgen Menzel

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